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Aktuelles Gladbeck

Titel
Rede des Bürgermeisters auf der Gedenkfeier für die Opfer von Krieg- und Faschismus
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Einleitung
Heute fand die offizielle Gedenkfeier der Stadt Gladbeck für die Opfer von Krieg- und Faschismus in Wittringen statt. Die Rede von Bürgermeister Ulrich Roland im Wortlaut.
Haupttext

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
sehr geehrter Herr Borchard,

seit 31 Jahren treffen wir uns alljährlich am 9. November

  • um zu trauern,
  • zu erinnern und
  • zu mahnen.

Wir treffen uns im Gedenken an die unzähligen Opfer der Nazidiktatur.
Begründet wurde diese wichtige Tradition am 9. November 1988,
dem 50. Jahrestag des Nazi-Pogroms gegen die Juden in Deutschland.
Denn das Ereignis, an das wir uns immer wieder erinnern sollten, geschah in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938.

Die Scheiben der Geschäfte und Wohnungen unserer jüdischen Mitbürger „klirrten“ in diesen Stunden.

So sagte es die nationalsozialistische Propaganda nachher.
Menschen wurden aus dem Schlaf gerissen, misshandelt und verhaftet.
Die Synagogen und Betsäle unserer jüdischen Mitbürger wurden von Männern in braunen Uniformen verwüstet und angezündet, im gesamten Deutschen Reich, so auch in Gladbeck.

Hier bei uns gab es keine Synagoge,
wohl aber einen kleinen Betsaal für die jüdische Gemeinde im Haus des jüdi-schen Bürgers Max Kaufmann an der Horster Straße 54.

Die Familie Kaufmann wurde in dieser Nacht –
wie alle anderen jüdischen Familien in Gladbeck auch –
aus den Betten gerissen und im Gladbecker Polizeiamt eingekerkert,
die Fensterscheiben wurden zerschlagen und Möbel flogen auf die Straße.
Kaufmann und seine Familie wurden schließlich aus Deutschland ausgewiesen.
Am Ort verblieb nach der Pogromnacht vom November 1938 lediglich eine Handvoll jüdischer Bürger.

Ihr Weg endete – wenn es nicht gelang Palästina, die USA oder England zu erreichen – in den Jahren 1942 und 1943 mit den systematischen Deportationen der Juden aus dem Ruhrgebiet, aus ganz Deutschland und aus den europäischen Staaten, in Theresienstadt, schließlich in Auschwitz, Majdanek und Riga.

Die NS-Zeit hat der ganzen Welt schlimmste Ereignisse beschert.
Viele Opfer oder Nachfahren der Opfer leiden noch heute darunter.
Ähnlich ergeht es den Kindern und Kindeskindern der Täter.

Für Deutschland war und bleibt die Zeit der nationalsozialistischen Tyrannei und Barbarei das dunkelste und abscheulichste Kapitel unserer Geschichte.

Die Ereignisse des 9. November 1938 und alle anderen Maßnahmen gegen die Juden in Gladbeck geschahen, meine sehr verehrten Damen und Herren,
unter den Augen der Gladbecker Bevölkerung und mit ihrer Beteiligung.

  • Bedroht,
  • entrechtet,
  • missachtet und gequält

wurden Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt, die bis 1933 keineswegs Au-ßenseiter, sondern anerkannte, zum Teil beliebte Mitglieder aus der Mitte der Gesellschaft waren.

Ich sage dies sehr bewusst genauso, wie dies der Bürgermeister der Stadt Gla-dbeck seit 1988 immer gesagt hat.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
vor einem Monat haben wir alle fassungslos nach Halle geblickt.

Am 9. Oktober hat ein antisemitischer Attentäter versucht,
an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag,
in die Synagoge einzudringen,
ein Blutbad anzurichten.

Nur eine massive Eingangstür hat die Gläubigen geschützt,
zwei Menschen sind aber durch den Attentäter auf offener Straße getötet wor-den.

Am Tag danach habe ich Frau Neuwald-Tasbach der Vorsitzenden der jüdi-schen Gemeinde, unser Mitgefühl und unsere Erschütterung mitgeteilt und an unser letztes Treffen in ihrer Synagoge in Gelsenkirchen erinnert.

Dort,
beim gemeinsamen Gottesdienst mit den Oberbürgermeistern aus Bottrop und Gelsenkirchen, haben die Gemeindemitglieder sehr eindringlich ihre Sorge über die spürbaren antisemitischen Veränderungen und ihr Gefühl der zunehmenden Schutzlosigkeit beschrieben.

Das war eine Woche vor Halle!

Auch heute,
einen Monat nach der schrecklichen Tat,
versichern wir allen Mitgliedern der jüdischen Gemeinde,
allen Menschen jüdischen Glaubens:
Wir sind solidarisch und fest an ihrer Seite.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat nach Halle folgendes gesagt:

„Einen solchen feigen Anschlag zu verurteilen, das reicht nicht.
Es muss klar sein, dass der Staat Verantwortung übernimmt für jüdisches Leben,
für die Sicherheit jüdischen Lebens in Deutschland.“

Und der Bundespräsident hat weiter erklärt.
„Die Geschichte mahnt uns, die Gegenwart fordert uns.
Wir müssen Haltung zeigen in unserem Verhältnis zu unseren jüdischen Mitmenschen. Und diejenigen, die bisher geschwiegen haben, die müssen sich äußern.“

Ja, meine sehr geehrten Damen und Herren,
die Zeit des Schweigens,
des Hinnehmens,
des Nicht-Ernst-Nehmens,
sie ist längst vorbei.

Der Staat war,
so musste es manchmal wirken,
auf dem rechten Auge blind,
hat sich lange vor allem auf die Bekämpfung des islamistischen Terrors kon-zentriert.

Die verheerende Mordserie des NSU,
der rechtsextreme Attentäter von München,
der Terrorakt von Halle:
Diese Taten sind nur die Spitze des Eisberges von Radikalisierung und rechtem Gedankengut, der sich in den letzten Jahren entwickelt hat.

Und wenn dann noch eine Partei im Bundestag sitzt,
die die deutsche Erinnerungskultur verhöhnt,
Vorurteile und Populismus schürt,
jede Möglichkeit zur Spaltung unserer Gesellschaft nutzt,
dann heißt das für uns Demokraten:
Wir müssen noch entschiedener eintreten für unsere offene Gesellschaft,
für Toleranz und Respekt.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
wir haben in Gladbeck eine Erinnerungskultur,
auf die wir zu Recht stolz sind.

  • Unsere Stolpersteine,
  • der Auschwitz-Gedenktag,
  • unser Gedenken am 9. November,

das alles wird von vielen engagierten Menschen,
von Schulen und Kirchen,
Vereinen und Verbänden,
dem Bündnis für Courage und der Stadtverwaltung,
vorbildlich gelebt.

Und trotzdem müssen auch wir in Gladbeck wachsam sein, den Feinden unserer Demokratie wehrhaft entgegen treten, sie inhaltlich stellen.

Denn: Auch in Gladbeck ist im kommenden Jahr Kommunalwahl.

Und leider müssen wir davon ausgehen, dass danach eine Partei im Gladbecker Rat vertreten ist, deren Mitglieder hier vor Ort, auf öffentlichen Seiten im Internet, folgende Begriffe verwenden:

  • Passdeutscher
  • Buntland,
  • Umvolkung,
  • Lügenpresse.

Die Frage,
die uns Demokraten,
alle, die für die Grundwerte unseres Landes,
stehen, nun und in Zukunft umtreibt:

Wie gehen wir mit dieser Partei,
wie mit ihren Vertretern in Stadt, Land und Bund,
vor allem aber auch mit ihren Wählerinnen und Wählern um?
Wollen wir sie ausgrenzen, boykottieren, isolieren?
Oder wollen wir uns mit ihnen inhaltlich auseinandersetzen,
sie dort stellen, wo sie Unwahrheiten behaupten,
ihrer Propaganda immer und immer wieder Fakten entgegensetzen?
Ich meine,
unsere Aufgabe als Demokraten, als die,
die diese Verfassung und Grundwerte wie Meinungsfreiheit vertreten,
ist Letzteres.

Setzen wir uns inhaltlich mit den Populisten und Geschichtsleugnern auseinan-der,
hart, nachdrücklich, aber immer demokratisch.

Bieten wir ihnen und ihren Wählern nicht die Opferrolle.
Das sind wir uns und unserer Demokratie schuldig.
Das sind wir auch all denen schuldig,
die sich in der langen Geschichte unseres Landes für eine freiheitliche Grund-ordnung eingesetzt haben.
Und wir sind es nicht zuletzt denen schuldig,
die in 12 Jahren nationalsozialistischer Terrorherrschaft:

  • ihre Heimat,
  • ihre Gesundheit,
  • ihr Leben verloren haben.

Alt-Bundespräsident Walter Scheel sagte einmal:
„Demokratisch ist es, dem anderen zuzuhören, seine Meinung zu erwägen, das, was einem selbst einleuchtet, zu akzeptieren und gegen das übrige, unter ständiger Wahrung des Respektes vor der Person des anderen, seine Gegenargumente hervorzubringen.“

Oder, wie Michelle Obama es einmal im Wahlkampf gegen Trump ausdrückte:
„When they go low, we go high.“

Frei übersetzt: Je schlimmer sich die anderen benehmen, umso mehr antworten wir mit Anstand und Moral.

Also:
Inhaltliche Auseinandersetzung, leidenschaftliche Diskussionen – Ja!

Aber:
In der Sache weichen wir nicht einen Zentimeter,
wenn es um Antisemitismus, Rechtspopulismus, Menschenverachtung geht!

Denn, um erneut den österreichische Schauspieler Michael Köhlmeier zu zitie-ren:
„Zum großen Bösen kamen die Menschen nie mit einem Schritt. Nie. Sondern mit vielen kleinen. Von denen jeder zu klein schien für eine große Empörung. Erst wird gesagt, dann wird getan!“

In diesem Sinne:
Seien wir wachsam und halten wir unser Land zusammen – wir Demokraten!

Beginndatum
09.11.2019


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